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Colmar-Berg - Wohnsitz des Grossherzogs Imprimer Envoyer

Tags: Bourgmestre | Colmar-Berg

Magazine Echo 2009-3

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Echo:

Könnten Sie sich den Lesern kurz vorstellen?

Fernand Diederich:

Von 1969-2004 war ich Professor des technischen Sekundarunterrichts im Lycée Tech- nique Ettelbruck. 1982 begann ich in Colmar-Berg politisch tätig zu wer- den. Ich wurde damals in den Gemeinderat gewählt und war dann sechs Jahre lang Schöffe. Anschlies- send war ich trotz meines zweiten Platzes bei den Gemeindewahlen wegen Unstimmigkeiten mit dem Bürgermeister sechs Jahre lang Gemeinderatsmitglied. 1994 wurde ich als Erstgewählter Bürgermeister, ein Amt, das ich mittlerweile seit über 15 Jahren bekleide. Seit den Parla- mentswahlen 2004 bin ich ausser- dem Abgeordneter der LSAP im Wahlbezirk Zentrum.

Echo:

Wie entwickelte sich ColmarBerg zu einem grossen industriel- len Standort?

Fernand Diederich:

Seit meiner Geburt 1946 lebe ich in meiner Heimatgemeinde, deren Entwicklung ich also sehr gut mit verfolgen konnte. In den fünfziger Jahren zählten wir zwi- schen 600 und 700 Einwohner. Das soziale Leben hatte eine andere Wertigkeit, als dies heute der Fall ist. Alle Einwohner kannten sich, diese persönlichen Beziehungen gibt es heute nicht mehr im selben Ausmass. Der wirtschaftliche Aufschwung begann um 1950 mit dem Reifenproduzenten Goodyear. Nach und nach hat sich die Gemeinde von einem Dorf mit ländlichem Charakter zu einem bedeutenden Industriestandort entwickelt. Früher gab es im Dorf und an der Peripherie viele, teils stattliche Bauernbetriebe. Verkehrsbedingte Probleme waren damals so gut wie unbe- kannt. Inzwischen ist Colmar-Berg auf 1.900 Einwohner angewachsen. Der ursprüngliche dörfliche Charakter hat sich mit den Jahren gewandelt. Am Dorfrand entstand eine Industriezone, im Zentrum der Ortschaft wurden mehrere fünfgeschossige Gebäude gebaut. Der Gemeinderat hat zwar vor Jahren die Höhe (3 Geschosse) sowie das Volumen dieser Bauten reduziert, das Dorf bildet trotzdem keine geschlossene Einheit. Wäre die Entwicklung nicht so schnell verlaufen, hätte man bestimmte Dinge vielleicht besser anpassen können.

Echo:

Wie wird sich die aktuelle Wirtschaftskrise auf den Industriestandort auswirken?

Fernand Diederich:

Die Gemeinde Colmar-Berg hat natürlich dank der Gewerbesteuer im Vergleich zu anderen Gemeinden ohne Industrieaktivitäten einen gewissen finanziellen Vorteil. Sie muss aber einen grossen Teil (67 %) der auf Gemeindeebene erwirtschafteten Gewerbesteuer an einen nationalen Fonds abführen, aus dem alle 116 Gemeinden wieder Anteile an der Gewerbesteuer beziehen. Wir gehören also zu den paar Gemeinden, die mehr in den Fonds abführen, als sie daraus entnehmen. Die meisten kleinen Gemeinden beziehen den grössten Teil ihrer Gewerbesteuer aus der in der Hauptstadt erwirtschafteten Gewerbesteuer. Betz- dorf, Stadt Luxemburg und Niederanven sind im Verhältnis zu ihrer Einwohnerzahl die reichsten Gemeinden, was die Gewerbeesteuer anbelangt. Angesichts der Krise riskieren wir einen grösseren Einbruch der Umsätze. Dies wird sich auch negativ auf die finanziellen Mittel der Gemeinde auswirken. Wenn die Gewerbesteuer und die staatlichen Steuern stark zurückgehen, haben wir keine Planungssicherheit mehr bei der Budgetaufstellung. Industriegemeinden sind bei einem Einbruch in grösserem Masse betroffen als andere Gemeinden.

Echo:

Wie sieht es mit dem Verkehr in Colmar-Berg aus?

Fernand Diederich:

Das starke Verkehrsaufkommen besserte sich seit der Inbetriebnahme des Nordstrassenabschnitts zwischen Ettelbruck und Mersch. Ueber 3.000 Menschen fahren jeden Tag nach Colmar-Berg zur Arbeit. Ein grosser Teil der Ortschaft ist jeden Tag mit Autos zugeparkt. Das hohe Verkehrsaufkommen, das eine grosse Belastung darstellt, ist nun mal der Preis, den eine industriell geprägte Gemeinde zahlen muss. Es besteht noch eine Eisenbahnlinie, die aber nur noch für den Warentransport bis zum Werk von Arcelor-Mittal nach Bissen führt. Goodyear bezieht seine Waren nicht mehr über die Eisenbahn, sondern per Lastwagen.

Echo:

Was bedeutet die Präsenz des grossherzoglichen Schlosses für die Gemeinde?

Fernand Diederich:

Colmar-Berg ist vor allem bekannt durch die imposante Silhouette des Schlosses, Residenz der grossherzoglichen Familie. Die Gemeinde hatte schon immer sehr gute Beziehungen zum Herrscherhaus. Wir erinnern uns noch an die Festlichkeiten bei Gelegenheit des Einzugs der grossher- zoglichen Familie auf Schloss Berg sowie zum Anlass des 50-jährigen Geburtstags des Grossherzogs und der Silberhochzeit des grossherzoglichen Paares. Als Grossherzog Jean nach Fischbach umzog, wurde eine grosse Abschiedsfeier organisiert. Der frühere Grossherzog fühlte sich besonders mit Colmar-Berg verbunden, da er längere Zeit hier lebte. Die lokalen Vereine werden gelegentlich in den Schlossanlagen empfangen, und die Bürger feiern auch alle paar Jahre mit der grossherzoglichen Familie Nationalfeiertag.

Echo:

Was waren Ihre wichtigsten Projekte der letzten Jahre?

Fernand Diederich:

Wir haben in den letzten 15 Jahren viele Projekte realisiert. So war es mir ein Anliegen, die Bürger in demokratischen Strukturen direkter am Gemeindeleben zu beteiligen. In beratendenden Kommissionen können die Bürger ihre Ideen austauschen und einbringen. Rund 85 % der Haushalte sind ans Gasnetz angeschlossen, die Strasseninfrastrukturen wurden in den letzten Jahren erneuert. Erst vor kurzem wurden die neuen Räumlichkei- ten der Maison Relais, der Vorschule und der Früherziehung in Betrieb genommen. Ein neues Rathaus entstand, der Festsaal im Erdgeschoss bietet Platz für 400 Personen sowie Räumlichkeiten für unsere Senioren. Die Fussballfelder wurden erneuert, eine neue Flutlichtanlage installiert und die Plätze wurden um einen Getränkeausschank erweitert. Wir zählen 5 Tennisplätze, die Sporthalle wurde renoviert. Gebaut wurden ausserdem ein Feuerwehrhaus und ein Pfadfinderheim. Die Parkanlage erlaubt es den Bürgern sich abseits von Lärm und Verkehr auszuruhen und zu entspannen. Colmar-Berg ist als Knotenpunkt des Fahrradwegenetzes ideal gelegen, um die Umgebung in alle Himmelsrichtungen zu erkunden.

Echo:

Wie sehen ihre zukünftigen Projekte aus?

Fernand Diederich:

Prioritär gilt es, die Lebensqualität in der Gemeinde zu erhalten und zu verbessern. Wir werden für den notwendigen Wohnraum sorgen und haben in dieser Hinsicht den Pacte logement unterschrieben. Das Projekt Haus Nelson mit dem Fonds de Logement muss finalisiert und realisiert werden. In einzelnen Wohnvierteln müssen Infrastrukturarbeiten durchgeführt werden. Mit sieben weiteren Gemeinden wird ein regionales Schwimmbad gebaut und zur Aufwertung der Parkanlagen ist in Nähe der Tennisfelder ein Pavillon mit öffentlichen WC und Terrasse in Planung.

Echo:

Wie denken Sie über Gemeindefusionen?

Fernand Diederich:

Als Abgeordneter bin ich auch Mitglied im Aus- schuss für innere Angelegenheiten und Landesplanung. Gemeindefusionen sind keine Allheilmittel, die Zusammenlegung von mehreren Gemeinden muss einen Mehrwert erbringen. Mann kann auf keinen Fall mit einer Schablone übers Land ziehen. Auf jeden Fall muss die Fusion auf freiwilliger Basis durch die Entscheidung der Bürger erfolgen. Colmar-Berg ist eine der 6 Nordstad-Gemeinden, eine Fusion mit einer anderen Gemeinde kommt soweit nicht in Frage.

Echo:

Wird Colmar-Berg eher expandieren oder auf Konsolidierung setzen?

Fernand Diederich:

Wir denken, kontrolliert zu wachsen, wahrscheinlich um maximal 500 Einwohner in einem mittelfristigen Zeitraum. Wichtig erscheinen mir die regelmässigen und substantiellen Investitionen bei Goodyear. In ihrer Forschungsabteilung arbeiten rund 900 Arbeitnehmer. Wir denken, dass der Standort gefestigt werden kann und dass wir im Interesse aller einen Ausweg aus d iesen schwierigen Zeiten finden werden.

Administration communale de Colmar-Berg

5, avenue de la Poste
L-7730 Colmar-Berg
Tel.: 835543-1
Fax: 835543-25
Email: colmar@pt.lu

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