Echo sprach mit dem Mertziger
Bürgermeister Claude Staudt über den
tiefgreifenden strukturellen Wandel seiner Gemeinde in den
letzten Jahren.
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Echo:
Könnten Sie sich dem Leser kurz vorstellen?
Claude Staudt:
Ich bin auf Gemeindeebene ein politischer
Spätzünder. Mein Großvater und mein Vater
waren bereits Schöffen der Gemeinde Mertzig. Daher bin
ich schon vorbelastet. In meinen jüngeren Jahren hatte
ich keine gemeindepolitischen Ambitionen. Mit zunehmenden
Alter kam dann auch bei mir das Interesse an der
Gemeindepolitik. Viel Kritik gibt es überall. Wenn man
sich selbst nicht engagiert , kann man aber auch nichts
erreichen und keine Änderungen bewirken. 1999 liess
ich mich zur Gemeindewahl aufstellen. Ich belegte mit
meinen Stimmen sofort den zweiten Platz. Die vorherige
Mannschaft liess sich für die darauf folgende
Amtsperiode nicht mehr aufstellen. Mir fielen so die
Wählerstimmen zu. Seit dem 18ten November 2005 bin ich
Bürgermeister. Unsere Mannschaft ist zwar nicht immer
einer Meinung, zieht aber dennoch an einem Strang. Ich
denke, dass wir unsere Arbeit gut machen.
Echo:
Was ist typisch für die Gemeinde Mertzig?
Claude Staudt:
Mertzig ist eine sehr alte Gemeinde. Mertzig hat zeitweise
zu Feulen gehört. Unsere Gemeinde war schon seit der
Steinzeit besiedelt. Diverse Artefakte aus der Steinzeit
und Römerzeit wurden im Ort gefunden.Wegen der
Nähe zu Ettelbrück, Diekirch, Mersch und Redingen
wollen viele Bürger in unsere Gemeinde ziehen. Wir
sind relativ gut an das öffentliche Verkehrsnetz
angebunden. Von Mertzig aus ist man mit dem
öffentlichen Transport in circa 43 Minuten in der
Hauptstadt. So schnell kommt man selbst mit dem Auto nicht
dorthin. Mertzig ist für seine Steinbrüche
bekannt, wo einst fast 200 Menschen arbeiteten. Früher
waren die meisten Einwohner Mertzigs Arbeiter oder
Landwirte. Viele Bürger arbeiten heute hingegen
beispielsweise bei Good Year, städtischen Verwaltungen
oder Banken. Typisch für unsere Gemeinde ist ferner,
dass unsere Gemeinde vorteilhafterweise aus nur einem Dorf
besteht. Wir haben einen großen Anteil
ausländischer Mitbürger, hauptsächlich
relativ gut integrierte portugiesische Mitbürger.
Echo:
Wieso gibt es in Mertzig sehr viele moderne Gebäude?
Claude Staudt:
Es gibt hier zwei Schulgebäude und zwei Maison Relais
mit relativ vielen Schulkindern sowie ein Altersheim mit
etwa 40 Bewohnern. Dank unserer Industriezone konnten wir
die verlorenen Arbeitsplätze in den Steinbrüchen
teilweise kompensieren. Ein großes Bauunternehmen und
ein Busunternehmen sind in der Gemeinde ansässig.
Ungefähr 300 auswärtige Bürger arbeiten in
Mertzig. .../
Echo:
Ist Mertzig eine Schlafgemeinde?
Claude Staudt:
Mertzig ist eine Schlafgemeinde. Es gibt aber immer mehr
Schlafgemeinden. Dies ist ein gesellschaftliches Problem.
Das soziale Zusammenleben hat sich in unserer Gesellschaft
sehr stark verändert. Unsere Bürger engagieren
sich nicht mehr so häufig wie früher in Vereinen.
In Mertzig gibt es aber immer noch viele gut
funktionierende Vereine. Man findet aber weniger
Bürger, die bereit sind, sich in deren Komitees zu
engagieren.
Echo:
Welche Projekte der letzten Jahre waren für die
Gemeinde Mertzig besonders wichtig?
Claude Staudt:
Ein besonders wichtiges Projekt war der Bau des neuen
Kulturzentums. Es kostete über 5 Millionen Euro. Im
Kulturzentrum ist unsere Maison Relais samt mehreren
Schulklassen untergebracht. Ein weiteres wichtiges Projekt
ist die geplante gemeinsame Kläranlage der Gemeinden
Mertzig, Grosbous und Feulen. Dieses Projekt wurde bereits
2003 ins Visier genommen. Es gibt immer noch gewisse
Schwierigkeiten bei der Realisierung dieses Projekts. Der
Anschluss ans Gasnetz wird gleichzeitig erfolgen. Was das
Wasser betrifft, könnten wir bald eine Pilotgemeinde
werden. Wir haben sehr viel Geld in die Qualität
unseres Wassers investiert. Wir haben wohl als erste
Gemeinde eine Wasserkommission ins Leben gerufen.
Echo:
Verfügt die Gemeinde Mertzig über eigene Quellen?
Claude Staudt:
Ein Drittel unseres Trinkwassers beziehen wir aus eigenen
Quellen, zwei Drittel von der DEA.
Echo:
Wie denken Sie als Bürgermeister über Fusionen?
Claude Staudt:
Ich stehe dem Thema Fusionen positiv gegenüber. Man
kann dabei nur gewinnen. Wir müssen als Gemeinden
gemeinsame Projekte realisieren und kooperieren, damit die
Bürger den Sinn der Fusionen sehen. Es gibt gemeinsame
Projekte der Gemeinden Feulen und Mertzig, wie
beispielsweise die neue Maison Relais in Feulen. Der Bau
einer geplanten Krippe dauert etwas länger. Wir
arbeiten auch mit den Gemeinden Grosbous und Vichten
zusammen, so etwa bei der Anschaffung von Arbeitsmaschinen.
Echo:
Sollen Gemeinden schnell oder langsam wachsen?
Claude Staudt:
Eine Gemeinde muß wachsen. Der Wachstum muss sich
aber in einem bestimmten Rahmen bewegen. Die Integration
der Bürger ist sehr wichtig. 1.717 Einwohner leben
momentan in Mertzig. Wir hoffen natürlich trotz der
momentanen Finanzkrise unsere neu gebauten Siedlungen
füllen zu können. Die Gemeinde wird
voraussichtlich in zwei bis drei Jahren auf 2.000 Einwohner
kommen.
Echo:
Spielt die Nordstadt für Mertzig eine große
Rolle?
Claude Staudt:
Die Nordstadt spielt für die Mertziger Bürger
eine ganz große Rolle. Die meisten Bürger
orientieren sich in Richtung Nordstadt. Dort gibt es weiter
führende Schulen. Ettelbrück und Diekirch sind
natürlich Geschäftsstädte, wo die
Bürger gerne einkaufen. Die Bürger gehen
natürlich auch hin und wieder in die Stadt Luxemburg
einkaufen. Die regelmäßigen alltäglichen
Geschäfte erledigen die Bürger aber in der
Nordstadt. Im Raum Ettelbrück-Diekirch bekommt man
praktisch alles.
Echo:
Was sind Ihre wichtigsten Projekte der kommenden Jahre?
Claude Staudt:
Die wichtigsten Projekte habe ich schon angesprochen, vor
allem die gemeinsame Kläranlage. Unsere
Infrastrukturen sind ansonsten in Ordnung. Abgesehen vom
Bau einer Kinderkrippe sind daher in nächster Zeit
keine größeren Projekte geplant. Was die
Gemeindefusionen betrifft, kann es mir damit gar nicht
schnell genug gehen. Ich muss bei den Bürgern und dem
Gemeinderat aber noch Überzeugungsarbeit leisten. Mein
Hauptziel sind Fusionen, da deren Vorteile überzeugen.
Echo:
Wie wird sich die Gemeinde Mertzig in den nächsten
Jahren entwickeln?
Claude Staudt:
Das hängt davon ab, wie sich die wirtschaftliche
Situation der einzelnen Bürger entwickeln wird. Ich
gehe davon aus, dass noch eine größere Anzahl
Bürger hierher ziehen werden. Auch wenn die
wirtschaftliche Lage schlechter werden sollte, kann unsere
Gemeinde trotzdem attraktiv bleiben. Gerade in schlechteren
Zeiten rücken die Bürger wieder enger zusammen,
wie die Geschichte beweist. Es ist natürlich
schwierig, eine Prognose zu erstellen.
Echo:
Wie entwickelt sich der Naturschutz in der Gemeinde?
Claude Staudt:
Wir sind Mitglied bei dem Gemeindesyndikat SICONA Centre,
das eine hervorragende Arbeit zum Erhalt der
Biodiversität und viel Überzeugungs- und
Sensibilisierungsarbeit leistet. Wir sind beispielsweise
dabei einen grossen naturnahen Spielplatz zu realisieren.
Am Tag des Baums pflanzten unsere Einwohner rund 600
Sträucher und Bäume
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